Türkische Volksmusik

Wie überall auf der Welt bildet den Kern auch der türkischen Musik die Musik des Volkes. Auch die offizielle republikanische Haltung bestand darin, die Volksmusik als Hauptquelle einer neuen türkischen Musik anzusehen. Deshalb hat man landesweit Melodien gesammelt, diese in Noten niedergeschrieben und archiviert. Für diese Aktivitäten war das 1936 gegründete Staatliche Konservatorium in Ankara zuständig. In jährlicher mühevoller Arbeit hat man bis 1952 10.000 Melodien in Noten gesetzt und archiviert.

Wieder anderen Charakter als die genannten Musikrichtungen besaß die türkische Volksmusik. Ihre Traditionen sind bis heute lebendig, obwohl kaum Niederschriften aus osmanischer Zeit existieren.
In den Dörfern sang man Volkslieder (koşma, türkü, mani), meist Liebeslieder oder melancholische Balladen (uzun hava) von eher langsam-getragenem Rhythmus. Lebendige, rhythmische Lieder wurden bei besonderen Anlässen vorgetragen, z.B. bei Hochzeiten und Festen. Nicht selten traten fahrende Sänger (aşik) auf, von denen einige (z.B. Karacaoglan) große Berühmtheit erlangten. Sie begleiteten sich selbst auf der Langhalslaute (saz, bağlama ), einem sehr typischen Instrument. Zu Volkstänzen spielte man mit Oboe oder verschiedenen Flöten, etwa der Hirtenflöte (ney) oder der Kernspaltflöte (düdük), und Trommeln auf.
Eine wichtige Tradition in der türkischen Volksmusik ist die Verknüpfung von Musik mit einer reichen Volkspoesie. So genannte Aschik-Sänger trugen eigene bzw. überlieferte Liedgedichte vor, die sie selbst mit einer Langhalslaute saz begleiteten. Einer der letzten bedeutenden Vertreter dieser Musiktradition war Aschik Veysel (1894-1973). Bis heute lebt diese Musikform vor allem im alevitischen Milieu fort. Die Volkslieder werden strophisch und mit Kehrreim vorgetragen. Liedinhalte stammen aus dem Leben der Menschen und handeln von Liebe, Schönheit, Natur, Arbeit, Kampf und Widerstand.

Die Langhalslaute saz bzw. baglama ist das begleitende Instrument von Volksliedern. Die Lauten tragen je nach ihrer Größe unterschiedliche Namen. Sie haben mindestens drei Doppelsaiten, die mit einem Plektrum angerissen werden und teilweise rund 20 bewegliche Bünde haben.

Weitere wichtige Musikinstrumente in der Volksmusik sind die davul (Trommel) und die zurna (Kegeloboe), die die meisten Volkstänze musikalisch-rhythmisch begleiten. Neben der kaval (Flöte ohne Mundstück) und der ney (lange Rohrflöte) ist die Verbreitung anderer Musikinstrumente von Region zu Region und von Ethnie zu Ethnie verschieden. Vor allem die Schwarzmeerregion hebt sich durch eigene Musikinstrumente ab. Am bekanntesten ist hier im Gegensatz zur griechischen bauchigen Version die schmale lange karadeniz kementschesi (Spießgeige). Aserbaidschanische und kaukasische Tänze und Lieder werden von einem Akkordeon begleitet. In West- und Inneranatolien werden bei Tänzen Trommeln (darbuka und tef), Fingerschellen (zil) und Löffel gebraucht. Die Spießgeige mit Kürbiskorpus ist in Südwestanatolien verbreitet.

Die türkische Volksmusik wird in zwei Melodietypen unterteilt: uzun hava: lang gedehnte Weise und in der Regel eine metrisch freie Form (vor allem im Osten der Türkei); und kirik hava: gebrochene bewegte Form mit einfachem Melodieaufbau, festen Metren und straffen Rhythmus.