Klassischen türkischen Musik
Repertoir und Besonderheiten

Innerhalb vorgegebener Ton- und Melodiemodelle (makam) bieten sich in der klassischen türkischen Musik viele Improvisationsmöglichkeiten. Durch das Spiel aller Instrumente auf derselben Stimmleiter erhält die Musik einen harmonischen Klangcharakter. Raffinierte Koloraturen finden sich vorwiegend in Sologesängen. Die klassische türkische Musik erreichte bereits im Spätmittelalter am osmanischen Hof ihre Vollendung. Unter den bedeutenden Komponisten der klassischen türkischen Musik finden sich auch Armenier, Griechen und Juden, die besonders durch religiöse Musikstücke bekannt geworden sind. Religiöse Musik ist sowohl ein wichtiger Zweig der klassischen türkischen Musik als auch der Volksmusik. Während die Musik der Mevlevis (den tanzenden Derwischen) eher innerhalb der klassischen türkischen Musik anzusiedeln ist, kann man die Musik des Bektaschi-Ordens mehr der Volksmusik zuordnen.

Die osmanische Musik baute auf der Grundlage des "makam birliği" (Einheit der Tonfolge, melodischer Weise) auf, wurde in der Ordnung des "Fasıl" (Reihenfolge in einem orient. Musikprogramm) angelegt und in dieser Form vorgetragen.

Fasıl: Dies ist eine Anordnung von Werken, die in einer einheitlichen Tonfolge komponiert wurden und nach einer bestimmten Ordnung der Reihe nach vorgetragen werden. In einem Fasıl nehmen sowohl vertonte Werke als auch Instrumental - Werke ihren Platz ein. Bei der Zusammenstellung eines Fasıl ist das zugrunde liegende Element die Tatsache der gleichen Tonfolge, wobei je nach Art und Form der Werke die Reihenfolge bestimmt wird. Um ein Fasıl zusammenzustellen, das einer gleichen melodischen Weise zugrundeliegt, müssen im allgemeinen zwei "Beste" und zwei "Semâî" (Beste und Semâî sind bestimmte Liedformen, wobei Beste sozusagen eines der wichtigsten und bekanntesten Kompositionen darstellt) komponiert werden. Diese sind vertexte Werke. Die Beste werden in der Form "Murabba" (Strophen zu je vier Halbversen) oder "Nakış" (langsame Weise mit einstrophigem Text) komponiert. Die in einem "Gazel" (eine bestimmte Liedart) auf der Grundlage eines Doppelverses komponierten Murabbas können entweder mit oder ohne „Terennüm“ gehalten sein. Außer den Halbversen der Gedichte, die dem Werk zugrundeliegen, werden dem Takt gemäß melodische Wortreihen verwendet, wie "ten, tenen, tenenen, ten nen ni", oder Wortreihen, wie "canım, ömrüm" (Mein Herz, mein Leben). Diese werden als "Terennüm" bezeichnet.
Der erste, zweite und vierte Halbvers wird mit dieser gleichen Melodie verbunden. Die Melodie des dritten Halbverses ist dabei unterschiedlich. In diesem als "Miyan Hâne" (mittlerer Ton) bezeichnetem Teil wird eine Verzögerung oder Erweiterung der Tonfolge durchgeführt. Bei Murabbas mit Terennüm, also bestimmten Liedformen mit o.g. Wortreihen, wird nach jedem Vers das Terennüm (spez. Wortreihen) eingesetzt. Das Terennüm des als Miyan Hâne bezeichneten Teiles des Liedes kann unterschiedlich sein. Bei den Liedern, die als Nakış bezeichnet werden, werden die Halbverse miteinander verbunden komponiert, wobei danach ein langer Terennüm folgt. Bei den Murabbas und Nakış, die innerhalb eines Werkes mit "Semâî usûl" (vierzeilige Gedichtform mit bestimmten Taktmaß) komponiert wurden, wird das erste dieser vertextlichten Semâî als "Ağır“ (langsame, schwere Melodie), das zweite als "Yürük Semâî" (im 6/4, 6/8 Takt gehaltene, schwungvolle Melodie) bezeichnet.
In einem Fasıl können diesen vertextlichten Werken, die unterschiedliche Namen tragen wie "Kâr" oder “Şarkı”, mit verschiedenen Instrumental-Stücken wie “Taksîm”, “Peşrev”, “Saz Semâîsi”, “Oyun Havası” kombiniert werden. Die Ordnung und Reihenfolge eines Fasıls sieht demnach folgendermaßen aus:
  a) Ein beliebiges Taksîm, das mit einem Instrument gespielt wird
  b) Peşrev
  c) Erstes Beste oder Kâr
  d) Zweites Beste
  e) Ağır Semâî
  f) Mehrere Şarkı (diese werden dem Takt und der Schnelligkeit der Melodie gemäß gereiht, wobei gegen Ende immer kürzere Taktfolgen und schnellerer Rhythmus folgen)
  g) Yürük Semâî
  h) Saz Semâî

Das Stück des Fasıls, das als "Kâr" bezeichnet wird, räumt den sogenannten "Terennüm" (also verbindende Wortfolgen) einen großen Raum ein und stellt ein vertextlichtes Lied dar, das große Meisterlichkeit erfordert. Es ist eines der feinst entwickelsten Formen der Lieder. Die Weisen, die als "Şarkı" bezeichnet werden stellen eine Form dar, die in unserer Literatur durch den Einfluss der Volkslieder entstanden sind. Diese Şarkı bestehen aus Versen und werden je nach Anzahl dieser Verse verschieden bezeichnet. Sie werden mit kurzem Takt komponiert und können sehr unterschiedlich strukturiert sein. Sie sind insbesonders im XIX. Jahrhundert auf Interesse gestoßen und stellten die anderen vertexteten Liedformen in den Schatten. Im XX. Jahrhundert haben sich diese Lieder zu einer Art „Fantasielieder“ entwickelt, wurden zunehmend populär und außer wenigen erfolgreichen Beispielen öffneten diese auf dem Gebiet der traditionellen türkischen „Sanat Müzik“ bis zu einem bestimmten Grad den Weg zu einer gewissen Untiefe.
Die hauptsächlich verwendeten Arten der Instrumental - Werke in der osmanischen Musik sind folgende:

Peşrev: Dies sind Instrumental - Werke, die im allgemeinen mit langen Taktfolgen wie, “Darb-ı Fetih”, “Sakîl”, “Muhammes”, “Devr-i Kebîr” komponiert sind. Bei manchen wurde auch der "Düyek" Takt (kurze Taktfolgen) verwendet, sie bestehen aus verschiedensten Melodien, weisen den als "Hane" bezeichneten Musikabschnitt (meist vier Hane) auf sowie den Abschnitt "Mülâzime" (eine Art Refrain, der nach jeder Hane gespielt wird und mit dem das Instrumental - Werk abgeschlossen wird).

Saz Semâîsı: Dies sind Instrumental - Stücke, die, obwohl sie im gleichen Werk wie die Peşrev stehen, mit Taktfolgen wie "Semâî" (6 teiliger Takt), "Aksak Semâî" (10 teiliger Takt) und "Yürük Semâî" ( 6 teiliger Takt) komponiert sind. Die Saz Semâî-Lieder werden am Ende des Fasıl, nach den Yürük Semâî gespielt.

Taksim: Dies sind die Improvisationen, die zu Beginn vom Gesang oder Instrumentalstücke gespielt werden, um die Melodien vorzustellen, einen Weg zu weisen, um aufzuwärmen.

Oyun havası: Dies sind Instrumental - Stücke, die zum Tanzen komponiert wurden.

Taktfolgen: Bis zum 15 teiligen Takt werden die Taktfolgen als "Küçük usûller" (Kleine / kurze Taktfolgen), ab dem 15 teiligen Takt aufwärts werden die Taktfolgen als “Büyük usûller” (Große / lange Taktfolgen) bezeichnet. Werden zwei lange Taktfolgen gemeinsam verwendet, so wird dies als "Darbeyn" bezeichnet. Es gibt auch Reihen von Taktfolgen, bei denen mehrere Taktfolgen nebeneinander verwendet werden. Eine dieser Taktfolgen-Reihen ist die aus fünf Taktfolgen bestehende "Zencîr", die nach einer Auffassung aus einem 60 teiligen Takt, nach anderer Auffassung aus einem 120 teiligen Takt besteht. Die innerhalb der kurzen Taktfolgen aus 5, 7, 9 etc. teiligen Takten bestehenden Taktfolgen, oder wie bei der "Aksak Semâî", also aus 10 teiligem Takt bestehende Taktfolgen, werden unter der Bezeichnung "Aksak usûller" zusammengefasst. Die eigentliche Taktfolge, die den Namen "Aksak" trägt, weist die Taktformel 2+2+2+3 auf.

Die Sakralmusik

Aus dem sakralen Bereich stammten rituelle Lieder, meist gesungene Gebete und Koranrezitationen, sowie der Sprechgesang des Muezzins. Da nach Vorstellung der islamischen Theologen die von Instrumenten begleitete Musik von Gott ablenkte, bevorzugte man Vokalmusik, welche die Botschaft Gottes vermittelten konnte. Daneben entstand in den Derwischklöstern eine Art kultische Meditationsmusik (mevlevi). Sie diente als Hilfsmittel bei der angestrebten mystischen Vereinigung mit Gott. Mit ihr begleiteten die Mönche auch die im Mittelpunkt ihres kultischen Rituals stehenden ekstatischen Drehtänze.

Die Militärmusik / Janitscharen Musik / Mehterane

Die Janitscharen waren eine militärische Elitentruppe, die sich die türkischen Herrscher aus den Söhnen hochgestellter christlicher Familien der unterworfenen Völker zusamenstellten. In der Türkei nannte man diese Militärkapellen, die auf frühosmanische Zeit zurückgehen, Mehterane. Sie spielten im Krieg, um den Feind zu erschrecken und seine Moral zu untergraben, aber auch im Frieden bei Hofe. Jeder Tag am osmanischen Hof begann und endete mit Musik. Nach Berichten des Reiseschrifstellers Evliya Celebi waren im 17. Jahrhundert in Istanbul 300 Musiker bei Hof beschäftigt.
Von ihrer Besetzung her standen die Janitscharenkapellen der Volksmusik nahe. Vor allem die Stammgrupe, die aus den Oboisten und den Spielern der großen Trommeln gebildet wurde, entsprachdem typischen Spielerpaar, das in dörflichen Gemeinschaften zum Tanz aufspielte. Die instrumentalen Formen dagegen, insbesondere das am Hof gespielte und festen Regeln folgende Pesrev, rücken die Janitscharenkapellen in die Nähe der klassische türkische Musik. Die ersten überlieferten Musikaufzeichnungen stammen aus dem 17. Jahrhundert und wurden von dem rumänischen Prinzen Demetrius Kantemir verfertigt, der eine Notation in Buchstaben entwickelte und über 350 Instrumentalstücke aufschrieb.

Besondere Berühmtheit erlangte die türkische Militär- oder Janitscharenmusik (mehter). Eine eigene Feldkapelle aus Janitscharen (mehterhane) begleitete das Heer auf seinen Kriegszügen. Mit feierlich-temperamentvollen, an Marschmusik erinnernden Klängen, spielte das Ensemble während der Kampfhandlungen auf. So sollten die eigenen Soldaten ermutigt und in Kampfstimmung versetzt und zugleich die Feinde eingeschüchtert werden.

Im 17. Jh. gab es sechs Instrumentalabteilungen (kat) im "mehterhane", von denen jede mit neun Musikanten besetzt war. Die gesamte Kapelle bestand demnach aus mindestens 54 Spielern, nicht selten waren es jedoch mehrere hundert. Kennzeichnend für die Musik war eine spezielle Instrumentierung, die sich durch die Verbindung von Melodie- und Rhythmus- bzw. Schlaginstrumenten auszeichnete. Holz- und Blechblasinstrumente, vor allem Oboen (zurna) und Trompeten (boru), seltener auch Hörner (nefir), spielten die durchdringende Melodie. Diese war stets einstimmig mit einfacheren, sich wiederholenden Harmoniefolgen nach osmanischen Tonsystemen und wurde von den Rhythmusinstrumenten, welche den Takt vorgaben, untermalt. Das Dröhnen der großen Trommel (davul) begleitete sie, ebenso die kleineren Doppelpauken (nakkare) und Becken (zil). Dazu kam die Große Pauke (kös), die nur der Sultanskapelle zustand. Rätselhaft bleibt ein weiteres "çağana" genanntes Instrument. Die ältere Forschung identifizierte damit den Schellenbaum. Doch dieser trat in der osmanischen Militärmusik erst im 18. Jh., während der Armeereformen nach westlichem Vorbild in Erscheinung. Wahrscheinlich handelte es sich dabei sogar um ein aus Europa stammendes Instrument. Unter den im Zusammenhang mit der "mehter"-Musik erwähnten "çağana" sind möglicherweise Rasseln, Klappern oder Schellen aus Holz oder Metall in Form von Kastagnetten oder Zimbeln zu verstehen.

Beim Angriff marschierten und ritten die Musiker oft an vorderster Front auf prächtig geschmückten Pferden hinter den Fahnen. Die Trommel- und Paukenspieler saßen auf Kamelen, die weniger schreckhaft waren und konnten daher besonders lautstark musizieren. Das Verstummen der Musik in der Schlacht war das Signal zum Abbruch des Kampfes angesichts einer drohenden Niederlage. Auch bei lange währenden Belagerungen von Städten demoralisierte das Tag und Nacht andauernde Spiel die eingeschlossene Bevölkerung. Die Janitscharenmusik war von ungeheurer Wirkung auf die europäischen Zeitgenossen, denn diese berichteten, die Klänge ließen Himmel und Erde erbeben.

In Friedenszeiten war das "mehterhane" gleichsam die Freiluftkapelle des Sultans. Es spielte täglich zum traditionellen Mittags-, gelegentlich auch zum Morgen- und Abendgebet im Sultanspalast und von den Türmen Istanbuls. In diesem, ins 13. Jh. zurückgehende Spiel zu Gebetszeiten (nevbet), scheint auch der Ursprung der Janitscharenkapelle zu liegen. Daneben führten die Janitscharenmusiker spezielle Stücke bei Staatsempfängen und großen offiziellen Festen, z.B. Thronbesteigungen, auf. Ebenso musizierten sie beim Auszug des Heeres und bei der Verkündigung von Siegesnachrichten. Beim Auftritt der Janitscharenkapelle bildeten die Musiker einen Kreis, in dessen Mitte sich zwei “Kapellmeister“, ein Oboist und ein "Davul"-Spieler, gegenüber standen. Die jahrhundertealte Tradition der Janitscharenmusik und die "mehterhane"-Kapelle fand 1826 ein abruptes Ende mit der Vernichtung des Janitscharenkorps.

Nur wenige Kompositionen der osmanischen Militärmusik sind uns heute erhalten. Man kennt allerdings Notenhandschriften von zwei der bedeutendsten Komponisten, von Ali Ufki’ (Wojciech Bobowsky) (1610-1675), und Kantemiroğlu (Demetrius Cantemir) (1673-1712). Beide hatten einen abenteuerlichen Lebenslauf. Während der eine ein polnischer Kirchenmusiker war, der als Sklave an den osmanischen Hof verkauft wurde und dort 18 Jahre lang als Musiker und Komponist lebte, wurde der andere als rumänischer Prinz geboren und kam als Geisel an den Hof des Sultans, wo er zu einem herausragenden Komponisten heranwuchs.