Osmanische Hofmusik (Klassische türkische Musik) Öztürk Şahin

Herausgebildet hat sich die türkische klassische Musik im 13. Jahrhundert aus dem Zeremoniell der Tanzenden Derwische Mevlevi, das von dem Mystiker Mevlana Celaleddin Rumi ins Leben gerufen wurde. Viele bedeutende Komponisten erhielten in den Klöstern des Ordens ihre Ausbildung, den man deshalb als „Musikschule des Osmanischen Reiches“ bezeichnete. Auf diesen Orden gehen auch die Bemühungen zur Erarbeitung einer Notenschrift zurück.
Die Osmanen hegten eine große Begeisterung für Musik. So konnten sich im osmanischen Reich die unterschiedlichsten musikalischen Stilrichtungen entwickeln.

Parallel zur Gründung des osmanischen Staates, seinem Wachstum und seiner zunehmenden Macht, entwickelte sich diese Form der Musik, wurde bereichert, gewann an Form und Ästhetik und erreichte ihre charakteristischen Züge einer künstlerischen Musik. Diese Musik behandelte Themen wie Religion, Liebe, Militär, Krieg u.v.m. und entwickelte zu jedem Thema eine spezifische Art und Form als auch ein Ensemble.

Am Sultanshof erfreuten sich die Großherrn an musikalischen Darbietungen jeglicher Art. So mancher Sultan beherrschte selbst ein Instrument oder komponierte. Selim III. (reg. 1789-1807) z.B. spielte vorzüglich Flöte und Langhalslaute (ney und tanbur), und seine Werke werden heute noch aufgeführt. Zahlreiche Komponisten und Musiker studierten in der großherrlichen Musikschule im Sultanspalast. Diese war vom 13. bis zum 19. Jh. das Zentrum der klassischen türkischen Musik und wurde erst im Jahre 1912 aufgelöst.

Die osmanische Musik wurde auch von der Musikkultur der neuen Länder, die an das osmanische Reich angegliedert wurden, beeinflußt, nahm neue Elemente auf und beeinflußte seinerseits auch die Musik dieser betreffenden Länder.

Mit den Unruhen und dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches allerdings kann ab Beginn des 19. Jahrhunderts in der osmanischen Musik ein zunehmender Verlust der Tiefe und eine Aufweichung des Standarts beobachtet werden. Während die osmanische Musik früher am Hof und für die gehobenere Bevölkerung gespielt wurde und an seinen Prinzipien festhielt, entfernte sie sich zunehmend von diesem Verständnis und entwickelte sich zur städtischen Unterhaltungsmusik. Diese Entwicklung, die auch in der Gegenwart anhält, ist Grund dafür, dass das "Lied" bzw. alle Arten der gespielten osmanischen Musik ihren Stellenwert verloren haben und sich mit ihrer zunehmenden Ausbreitung zu einer Populärmusik entwickelt haben.
Die osmanische Musik ist eine Synthese. Sie trägt den Reichtum der Geschichte in sich. Sie hat sich mit dem Einfluss der mit den Türken lebenden Völker und Minderheiten wie Byzantinern, Griechen, Persern, Arabern, Juden und Armenen entwickelt und hat auf der Schule des osmanischen Serails, am Hof, ihre glänzendste Periode erlebt.
Dennoch besaß sie einen eigenständigen Charakter. Für die osmanische Musik galten äußerst komplizierte Stil- und Kompositionsprinzipien. Die siebenstufige Tonleiter besaß sowohl Halb, Ganz- als auch Komma Ton Abstände, und es ließen sich mehrere Tonarten unterscheiden. Die Melodiebildung (makam) wies komplexe rhythmische Muster (usul) und bestimmte Taktvorgaben auf. Für die Melodie, die sich meist innerhalb einer Oktave bewegte, waren Halbtöne und kleine Komma Tonabstände charakteristisch. Häufige koloraturähnliche, melismatische Passagen, bei denen mehrere Töne auf eine Silbe gesungen wurden, verliehen der Musik eine opulente Klangfarbe.

Kein anderes Land, das ein ähnliches System anwandte, konnte diese künstlerische Stufe und Höhe, die die Osmanen diesbezüglich erreichten, erlangen.
Der bekannteste Komponist klassischer türksicher Musik ist Ismail Dede Efendi (1778-1846). In seinen Werken hat er geistliche und weltliche Musik, Volksmusik, aber auch Einflüsse der westlichen Musik verarbeitet.
Eine umgekehrte Beeinflussung fand in Europa vor allem durch die Janitscharen-Musikkapellen (mehter takimi) statt. Die osmanische Militärmusik wird nur mit Schlag- und Blasinstrumenten gespielt. Nach der Niederlage der Osmanen (Wien 1683) kam es im europäischen 18.Jh. im Rahmen der Türkenmode zur Rezeption dieser osmanischen Musik, z.B. in Kompositionen wie Mozarts "Alla Turca", vor allem aber in Militärkapellen und in der Marschmusik.