Alla turca - Der Einfluss der türkischen auf die europäische Musik
Europahymne

Die türkische Musik lebt von vielen Einflüssen, was nicht zuletzt an der geografischen Lage des Landes liegt. Sie selbst faszinierte vor allem Komponisten der Klassik.

Haydn, Beethoven, Mozart sind nur einige Namen großer Musiker, die sich für ihre Werke bei der türkischen Musik bedienten und unter anderem dafür sorgten, dass Becken, Glocke und Basstrommeln in den Instrumentenreigen aufgenommen wurden.

Mag man den Türken offiziell den Beitritt in die Europäische Union verwehren, musikalisch haben sie längst Eingang gefunden. 1972 erklärte Europarat Beethovens Hymne an die Freude zur offiziellen Europahymne. Er wählte just jenen Teil der Neunten Sinfonie, den Beethoven 1824 unter dem Einfluss der Janitscharenkpellen mit Klangeffekten türkischer Musik komponiert hatte. Janitscharenmusik war damals groß in Mode. Bereits Gluck, Haydn und Mozart hatte ihr Klang so gefallen, dass sie ihn in ihren Werken verwendeten.

Nachdem die Europäer während der Türkenkriege mit den Janitscharenkapellen Bekanntschaft gemacht hatten, fiel ihr Urteil über die fremdartigen Klänge Anfang des 17. Jh. noch negativ aus. Der Dichter und Musiker Daniel Speer (1636-1707) meinte, die türkische Musik sei “absurd ... in Instrumenten und Thon“, “ganz unordentlich bestellt“ und ohne jede “Lieblichkeit“.

Dennoch übte die osmanische Musik im 18. Jh. großen Einfluss auf die europäische Musikwelt aus, insbesondere auf die Weiterentwicklung der Militär- und Marschmusik. Deren Instrumentierung glich man an türkische Vorbilder an, etwa durch Verstärkung der Blechbläser. Die wichtigste Neuerung bestand darin, dass man die von jeher üblichen Blasinstrumente nun um Rhythmus- und Schlaginstrumente, z.B. Trommeln, Pauken, Becken und Triangeln, ergänzte. Diese gaben nun beim Marschieren Rhythmus und Takt vor. Wahrscheinlich eine europäische Erfindung des 18. Jh. war der Schellenbaum, eines der wichtigsten Instrumente der Militärmusik. Neusten musikwissenschaftlichen Theorien zufolge, ließen sich die Europäer dabei von den Hoheitszeichen, welche im osmanischen Heer mitgeführt wurden - z.B. dem Rossschweif (tuğ) und anderen als typisch empfundenen Emblemen wie Zelt- oder Stangenaufsätzen mit Halbmond oder Standarten -, inspirieren und kombinierten diese Elemente mit kleinen Schellen und Glöckchen aus Metall.

Diese neue, als "türkische" bezeichnete Militärmusik mit ihrem "durchschlagenden takt" beschrieben die Zeitgenossen wie der Musiker Daniel Schubart (1739-1791) als von phänomenaler Wirkung. Die Begeisterung für diese Musikrichtung ging so weit, dass einige Fürsten Europas eigene Janitscharenkapellen aufstellten. Gelegentlich wurden solche auch als Geschenk des Sultans - z.B. an August II. von Polen (1670-1733) - übermittelt. Doch meist reichten die europäischen Janitscharenbands, die oft nicht einmal echte türkische Musik spielen konnten, nicht an die Originale heran, wie Schubart mit Bedauern feststellten musste.

Vor allem in der sog. Wiener Klassik, war es Ende des 17. Jh. und im 18. Jh. modern „alla turca“ zu komponieren. Beispiele dafür finden sich bei Franz Joseph Haydn (1732-1809) (Militärsymphonie mit „Janitscharenmusik“), Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) (5. Violinkonzert, Schlusssatz) und Ludwig van Beethoven (1770-1827) („Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria”, op. 91, eingerichtet für „Vollständige türkische Musik“, Symphonie Nr. 9, d-Moll, op. 125, Finale). Bei der alla turca-Musik integrierte man als typisch türkisch empfundene Instrumente ins Orchester oder ließ sie durch dieses imitieren. Charakteristisch war die Verwendung von Trommeln und Becken, die für besonders lebendige, teilweise auch neue Rhythmen sorgten. Piccoloflöten und Triangeln, die man für türkisch hielt, erzeugten eine exotische Klangfarbe. Diese Kombination konnte durch Oboen, aber auch Fagotte, Klarinetten, Hörner und Trompeten komplettiert werden.

Auch die Komposition ließ sich von musikalischen Motiven oder Elementen inspirieren, die letztlich auf die „mehter“-Musik zurückgingen. Jedoch erschienen diese nicht als direkte Übernahme - von der eigentlich osmanischen Musik gelangten kaum originale Elemente nach Europa -, sondern in einer dem europäischen Geschmack und der Vorstellung, die man von den Türken besaß, entsprechenden Umbildung. So verliehen melodische Turkismen - Übergänge von Dur nach Moll und umgekehrt, häufige Wiederholungen kurzer einstimmiger Melodiefolgen sowie zahlreiche Modulationen, Triller, Sechzehntelfigurationen und Arpeggien - der Musik nach Ansicht der Zeitgenossen ein türkisches Kolorit. Als türkisch wurde auch ein stark akzentuierter Rhythmus sowie ein abrupter Wechsel der Lautstärke empfunden.

Auch war es üblich, die Handlungen zahlreicher Opern und Singspiele ins türkische Milieu zu verlegen. Die zweifellos bekannteste Türkenoper, Mozarts „Entführung aus dem Serail“, markierte mit der Ouvertüre und dem Janitscharenchor den Gipfel der musikalischen Türkenmode. Auf solche „Janitscharenmusik“ griff man vor allem zurück, wenn Exotisch-Orientalisches, Kriegerisch-Martialisches oder ekstatischer Überschwang zum Ausdruck gebracht werden sollten.

Bearbeitungen „für türkische Musik“ entstanden ebenso in der reinen Instrumentalmusik, vor allem der Klaviermusik (z.B. Mozarts Klaviersonate A-Dur KV 331, 3. Satz, Allegretto alla turca). Um die Wende zum 19. Jh. wurden Klaviere sogar mit einem sog. Janitscharenzug, einem Pedal für „türkische Musik“, ausgestattet, mit dem man eine eingebaute Triangel, Becken oder Trommel bedienen konnte.